Das Martyrium

Eine Erzählung von Benjamin May

Auszug aus dem 1.Kapitel : Am Rosengarten

Auch wenn die ganze Straße von starkem Rosenduft erfüllt ist und der sanfte Sommerwind die hochgewachsenen Platanen milde hin und her wiegt, sodass einen das zarte Rascheln und der wohltuende Schatten des dichten Baldachins in ein Gefühl meditativer Ruhe und Weltzufriedenheit versetzen könnte, überkommt mich doch nichts als Schwermut und Trauer, wenn ich vor der alten Villa stehen bleibe, deren oberstes Stockwerk nun leer steht. Das kräftige Aroma des Flieders strömt aus den umliegenden Gärten zu mir herüber, während ich zu den bleichen und unbelebten Fenstern hinauf blicke, die das Sonnenlicht so sonderbar reflektieren, als verwehren sie den Einblick, in eine dahinter verborgene dunkle Welt.

Oh Sonnenlicht du Widerspruch der heilen Welt mit ihren unergründlichsten Geheimnissen.

Meine Gedanken sind bei dem jungen Paar, das hier zuletzt gewohnt hatte und dessen plötzliches Verschwinden vor einigen Monaten seinerzeit so viel Aufsehen in der Gemeinde erregt und zu so vielen seltsamen Vermutungen Anlass gegeben hatte. Ihrer mysteriösen Flucht, die sich an einem kühlen Novembermorgen in aller Frühe, vermutlich um es zu vermeiden unnötige Aufmerksamkeit zu erregen und in größter Eile vollzog, war eine Zeit vorausgegangen, in der allerlei sonderbare Beamten in diesem Haus regen Ein- und Ausgang pflegten. Fast so als stünde das alte Gebäude und dessen jüngste Bewohner unter staatlicher Aufsicht. Der ungeklärte Verbleib der jungen Liebenden, war wie bereits erwähnt, maßgeblicher Gesprächsgegenstand einer Vielzahl von Diskussionen und Debatten, die in der ganzen Straße geführt wurden, jedoch nach einigen Wochen nachließen und um, wie das so oft der Fall ist, aktuelleren Themen des Alltags zu weichen. Doch mir wollte das Schicksal der beiden nicht so recht aus dem Sinn gehen, waren sie mir im Gemeindeleben doch nicht zuletzt aufgrund ihrer hilfsbereiten und feinfühligen Art aufgefallen, sowie der beiden ureigenen Gabe ihren Mitmenschen aufrichtige Wertschätzung entgegen zu bringen. Deswegen mochte ich auch keinem der Gespräche Glauben schenken, die unter vorgehaltener Hand geführt wurden und besagten, dass der junge Mann eine schwere Schuld auf sich genommen habe und seine Partnerin nun mit ihrer Unschuld dafür bezahlen müsse. Derartiges Gerede erschien mir völlig paradox und erweckte außerdem den Eindruck aus absolut inoffiziellen Quellen zu stammen, sodass ich mich damit auch nicht mehr weiter beschäftigte und stattdessen meine eigene Theorie entwarf, die eine, mit Sicherheit recht plausible, wenn auch nicht unbedingt angenehme Erklärung für die ganze Angelegenheit bereithielt.

Dass jedoch den skurrilen Gerüchten, die keiner laut auszusprechen vermochte, etwas wahres anhaftete, musste ich mit Entsetzen feststellen, nachdem es vergangene Woche zu jenem merkwürdigen Zwischenfall gekommen war, der mich in diesem Zustand tiefster seelischer Niedergeschlagenheit zurückließ, von dem ich mich seither nicht mehr erholt habe.

 
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